Vorstellung des Projekts

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Interview von Stéphanie Robert [www.exceptionfaite.fr] für das INSA Straßburg, französische Originalfassung auf dem Blog des INSA Straßburg [recherche.insa-strasbourg.fr/climability-design-accompagner-ladaptation-au-changement-climatique-des-pme-et-pmi/]

Auf dem Vorgängerprojekt Clim’Ability (2016-2019) aufbauend möchte das Interreg-Projekt Clim’Ability Design (2019-2022) die  Unternehmen am Oberrhein darin unterstützen, innovative Lösungswege und Anpassungsstrategien zur Bewältigung der Klimakrise zu erarbeiten.

Florence Rudolf, Projektkoordinatorin, Soziologin und Universitätsprofessorin am INSA Straßburg, erläutert das Vorhaben.

Florence Rudolf. Foto: Jean-Louis Hess

Bei Clim’Ability Design arbeiten französische, deutsche und schweizerische Wissenschaftler aus verschiedenen Disziplinen wie Soziologie, Geographie, Umweltmeteorologie und Mediendesign zusammen, um die Ergebnisse des Projekts Clim’Ability fortzuführen. Was ist neu an diesem Projekt und was verbindet es mit dem vorherigen?

Wir wollten die mit dem Interreg-Projekt Clim’Ability begonnene Arbeit fortsetzen. Drei Jahre lang haben wir daran gearbeitet, Unternehmen am Oberrhein, insbesondere KMU (= kleine und mittlere Unternehmen), für den Klimawandel zu sensibilisieren. Besonders die kleinen Unternehmen haben oft weder Zeit noch Ressourcen, um sich im Alltag mit dem Thema Klimaanpassung zu beschäftigen. Mit den Partnern des Konsortiums haben wir daher versucht, ihre Risiken und Schwachstellen zu identifizieren, dafür haben wir mehrere Open-Source-Diagnosetools entwickelt: einen Fragebogen, ein kartographisches Tool, ein Quiz, usw. Es handelt sich um Werkzeuge, mit denen sich die Mitarbeiter entscheidungsrelevantes Wissen aneignen können, das von ihrem konkreten Fall an ihrem Standort ausgeht. Ziel war es, den Unternehmen wissenschaftliche Informationen zugänglich zu machen. Mit Hilfe dieser Tools werden die Unternehmen darin unterstützt, Anpassungslösungen zu entwickeln.

Wir haben uns zunächst auf die sensibelsten Branchen der Region konzentriert, wie die Logistik, die Forst- und Holzwirtschaft oder den Wintertourismus. In den ersten drei Jahren stellten wir unter anderem fest, dass KMU besonders empfindlich auf Hitzewellen reagieren. Das kam sehr deutlich heraus. Hitzewellen bringen eingespielte Abläufe durcheinander, erhöhen die körperliche Anstrengung, verringern die Konzentration und haben schädliche Auswirkungen auf Menschen und Maschinen. Deshalb liegt ein Schwerpunkt von Clim’Ability Design auf der noch genaueren Untersuchung von hitzebedingten Risiken. Mit Hilfe neuartiger Sensoren, die wir „Mobimets“ getauft haben, werden wir beispielsweise die bioklimatischen Belastungen an verschiedenen Arbeitsplätzen innerhalb eines Unternehmens analysieren. Außerdem möchten wir uns einige Industriegebiete genauer ansehen, z. B. in Bezug auf die urbane Wärmeinsel-Problematik, und entsprechende Anpassungsmaßnahmen vor Ort erarbeiten. Wir haben vor, die räumliche Dimension des Klimawandels und seiner Auswirkungen auf die Unternehmen der Region vollständig zu erfassen.

Was bedeutet das? Wie werden Sie Ihre Studie durchführen?

Derzeit sind wir mit verschiedenen Industriegebieten in Kontakt, um längerfristige Kooperationen vor Ort zu etablieren. Wir bemühen uns beispielsweise,  Wärmeinseleffekte vor Ort zu analysieren und qualitativ hochwertige Anpassungsmaßnahmen zu skizzieren, sowohl auf dem Grund der Unternehmen als auch im öffentlichen Bereich. Wir werden einige Pilot-Unternehmen mit den Mobimet-Sensoren ausstatten, um Messungen verschiedener klimatischer Parameter wie Temperatur, Luftfeuchte oder Windgeschwindigkeit durchzuführen. Zum Schluss möchten wir einen Katalog von möglichen Lösungen vorschlagen: von einfachen und kostengünstigen Maßnahmen (z. B. Gestaltung des Arbeitsplatzes) bis hin zu architektonischen und städtebaulichen Entwicklungen (reflektierende Fassaden, Begrünung, Entsiegelung, usw.). Zurzeit laufen Gespräche mit dem Großmarkt Marché Gare in Straßburg, zwei Industriestandorten in Basel und mit Unternehmen, die sich bereits bei Clim’Ability engagiert haben.

 

Darüber hinaus werden wir „Innovationsforen“ organisieren: Arbeitsgruppen von etwa zwanzig Akteuren werden branchentypische Szenarien entwerfen, um innovative Strategien und mögliche Lösungen im Umgang mit Krisen zu entwickeln. Eine Arbeitsgruppe wird den „inventive conception“-Ansatz verfolgen, einen Forschungsschwerpunkt des INSA Straßburg (Team CSip ICube), und mit Akteuren des Straßburger Rheinhafens über das Thema Niedrigwasser nachdenken. In einer anderen Gruppe wird das Team der elsässischen IHK (CCIAE) die Kreativitätsmethode Fasit anwenden. Diese aus der Produktentwicklung stammenden Methode wird nun in einem anderen Umfeld angewandt und in einer komplexeren Situation auf die Probe gestellt. Die dritte Gruppe bearbeitet ein Serious Game, das vom Jardin des sciences der Universität Straßburg entwickelt wurde, und setzt sich mit der Ausstellung Critical Zones am ZKM in Karlsruhe auseinander. Im Prinzip geht es in allen Gruppen darum, sich in eine nie dagewesene, aber realistische Krisensituation hineinzuversetzen und Reaktionen oder Strategien zu diskutieren und zu entwerfen.

Während dieser Innovationsforen sind die Führungskräfte von Unternehmen und Verbänden eingeladen, sich über die Folgen krisenhafter Ereignisse Gedanken zu machen und die relevantesten Schutzgüter zu identifizieren. Unter diesem Gesichtspunkt ist die Covid-Krise eine Erfahrung, die uns bei der Bewältigung der ökologische Krise bzw. der Transformation in eine nachhaltigere Gesellschaft sehr nützlich sein kann.

 

Ja genau, bei der Coronavirus-Pandemie trifft die Realität auf die Fiktion… Das hier ist aber kein Serious Game mehr, die Krise ist sehr real. Wie wirkt sich das auf Ihr Projekt und die Unternehmen aus, mit denen Sie kooperieren?

In der Tat wurden wir von der Realität eingeholt. Zuerstmal mussten wir „landen“, wie Bruno Latour, ein bedeutender Philosoph und Wissenschaftsanthropologe und einer der Kuratoren der Critical Zones-Ausstellung, es ausdrückt. Wir haben einen neuen Fahrplan für die Zeit des Lockdowns erstellt. Wir nutzten die Gelegenheit, um bei sieben Unternehmen genauer nachzufragen, wie sich die Krise bei Ihnen auswirkt und sie damit umgehen. Drei interessante Aspekte dabei sind:

Fotografien des Design-Teams der Hochschule Offenburg (Labor Medienökologie) als Teil des Clim'Ability Design-Projekts. Hier Bilder der Müllverbrennungsanlage TREA Breisgau in Eschbach. Urheber: Daniel Fetzner
Fotografien des Design-Teams der Hochschule Offenburg (Labor Medienökologie) als Teil des Clim'Ability Design-Projekts. Hier Bilder der Müllverbrennungsanlage TREA Breisgau in Eschbach. Urheber: Daniel Fetzner

Erstens wurden die Unternehmen regelrecht in eine Krise hineingeworfen, die aber begrenzt ist. Nie zuvor hatten sie sich eine Krise vorgestellt, die so global war und alle Tätigkeitsbereiche betraf. Zweitens war für sie der Beginn der Krise am beunruhigendsten, weil er von Unsicherheit und Unwissenheit geprägt war. Die Entscheidungsfindung der Regierungen hat sie beruhigt: Eine Autorität drückt sich aus und nimmt Stellung. Und drittens überstehen diejenigen  diese Tortur am besten, die Vertrauen, Teamwork und ein gutes Arbeitsklima pflegen. Teams, die einander kennen und schätzen, sind bereit, ihren Beitrag zu leisten und zusätzliche Anstrengungen zu unternehmen. Die Krise verstärkt dieses Gefühl des Zusammenhalts sogar noch.

Im Rahmen von Clim’Ability Design versuchen wir, Situationen anzubieten, in denen man alltägliche Pfade verlässt. Die Covid-Krise hat uns vor allem gezwungen, mit unseren Routinen, unserem Alltag zu brechen. Sie stellt unsere Belastbarkeit auf die Probe und versetzt uns in eine Lernsituation… Wir wollen diesen Prozess mit unseren Innovationsforen und Tools ermöglichen, nur ohne Schmerzen, Tod oder Unternehmensschließungen.

Clim’Ability Design wird kofinanziert durch das EU-Programm Interreg V Oberrhein, die französische Region Grand Est, Baden-Württemberg, Rheinland-Pfalz und die Schweiz.

Projektträger ist das INSA Straßburg, Projektpartner sind die elsässische Industrie- und Handelskammer, Météo France, die Universitäten Basel, Freiburg, Haute-Alsace (UHA in Mulhouse), Luzern, ATMO Grand Est, Hydreosder autonome Rheinhafen Strasbourg, die Hochschule Offenbourg, die Fachhochschule Nordwestschweiz, die Kantone Basel Stadt und Basel Land sowie die Schweizerische Konföderation (NPR/CTE).